SWARM – INSEKTENTELLER GEMISCHT

»Verrückte Ideen« wollten sich Chris­topher Zeppenfeld und Timo Bäcker nach der ge­meinsamen Schulzeit gegen­seitig zurufen. Im Jahr 2015 flog Zeppenfeld eine zu, als er den 200 Seiten langen Bericht Edible Insects der Welter­nährungsorganisation FAO zu essbaren Insekten verschlang.

Zeppenfeld hatte der­weil in Köln Betriebswirtschaft studiert und forschte gerade im Rahmen seiner Promotion in den USA. Sein Freund und Mitstreiter Timo Bäcker ist Designer.

Die FAO­ Wissenschaftler und Wissenschaftle­rinnen zählten rund 1.400 essbare Insekten. Sie zu essen ist in Ländern wie Thailand, China oder Afrika zwar bereits Alltag. In westlichen Ländern erzeugt die Vorstel­lung herzhaft in eine Grille oder eine Larve zu beißen bestenfalls ein unangenehmes Kribbeln unter der Haut.

Bereits zwei Tage nach seiner Promotion in Volkswirtschaftslehre saß Zeppenfeld im Flieger nach Thailand, dem weltgrößten Markt für Insektennahrung. Mit Schul­freund Bäcker vertilgte er fast alles, was sechs Beine hat oder kriecht: grüne Käfer, dicke bleiche Hornissenlarven, Heuschre­cken. Oder sie lutschten Wasserwanzen aus. Gemischter Insektenteller sozusagen.

»Am Anfang kostete es Überwindung, eine Wasserwanze auszulutschen, auch wenn der Eigengeschmack der meisten Insekten eher neutral ist«, sagt Zeppenfeld. Aber der antrainierte Widerwillen legte sich. Alle Fakten sprachen für sich: Insekten bestehen zu rund 70 Prozent aus hoch­wertigem Eiweiß (Protein) mit allen neun essentiellen Aminosäuren, die beispiels­weise für den Muskelaufbau wichtig sind und die der Körper selbst nicht bilden kann. Dazu kommt das lebensnotwendige Vitamin B12, das nur in tierischen Lebens­mitteln vorkommt und für die Bildung roter Blut körperchen und das Nervensystem gebraucht wird. Als ideales Insekt kristal­lisierte sich die Europäische Hausgrille heraus.

Mit Unterstützung der Deutschen Sporthochschule in Köln reifte die Idee, dass es ein hochwertiger Riegel mit Insekten­ statt Milcheiweiß werden sollte. Auch beim Thema Nachhaltigkeit schnei­den Insekten gut ab: Insekten wie die verwen­dete Grille verwerten als wechselwarme Tiere das Futter 12 Mal produktiver als gleichwar­me Tiere wie Rinder, die einen Großteil des Futters für die Erhaltung der Körpertempe­ratur verwenden. Im Vergleich zu Rindfleisch verursachen Grillen zudem weniger als ein Prozent der klimaschädlichen Treibhausgase. Zudem erfordert die Zucht von Insekten für Bauern einen geringen Aufwand mit wenig Investitionen.

Für den Anfang reicht schon eine 80 Zentimeter hohe, zwei Meter auf vier Meter große Betonschale, die mit Eier kartons ausgekleidet wird, damit sich die Insekten artgerecht verstecken können. Ihre Nahrung besteht aus Mais, Soja und Reis.

Als Idee und Konzept standen, sollte es endlich losgehen: In Thailand die Insekten züchten, erhitzen, trocknen und zu Pulver verarbeiten, in Europa den Riegel produzie­ren und verkaufen. Doch zunächst folgte ein mehr als drei­jähriger Hindernislauf durch die Lebensmit­telbehörden, Zoll und Zertifizierungsstellen. Immerhin wollten die beiden Gründer ein neuartiges Lebensmittel nach Europa ein­führen. »Das hat nicht nur Zeit, sondern auch zigtausende Euro verschlungen, bis wir unse­ren ersten Riegel produzieren durften«, sagt Zeppenfeld. Finanziell über Wasser gehalten haben sich die beiden Gründer aus Förder­töpfen der EU und dank der Unterstützung durch den GATEWAY Gründungsservice, einer erfolgreichen Crowdfunding ­Kampagne und aus eigenen Ersparnissen.

Mittlerweile ist das Start­up­ Unternehmen SWARM auf Erfolgskurs: Die Riegel in ver­schiedenen Geschmacksrichtungen sind bei Einzelhändlern wie Edeka, Rewe, Drogerie­märkten und Fitnessstudios zu kaufen und seit kurzem auch auch in den Einrichtungen des Kölner Studierendenwerks. »Vielleicht verkaufen wir schon dieses Jahr mehr als eine Million unserer Riegel«, freut sich Zeppenfeld. Es gibt Anfragen aus Österreich und der Schweiz. Und seit diesem Februar gönnen sich die Gründer und sechs weitere feste Mit­arbeiter erstmals ein festes Gehalt. »Das ist ein super Gefühl, weil sich unsere verrückte Idee endlich auszahlt«, sagt Zeppenfeld.

Artikel: Uni Magazin – Mai 2019
JÜRGEN REES, ROBERT HAHN UND EVA SCHISSLER